Ausstellungen

Neben Vorträgen und Publikationen erfüllen Ausstellungen eine wichtige Funktion bei der Vermittlung jüdischer Geschichte und Kultur. Ihre Themen können programmatisch entwickelt werden – sind jedoch zu Recht oft eingebunden in aktuelle Ereignisse, Themen und Diskurse. So auch in den von mir kuratierten Ausstellungen in Unterfranken. Zu mehreren von ihnen sind Publikationen erschienen.

jung - jüdisch - unerwünscht. Jüdische Kinder und Jugendliche 1920-1950

Im Jahr 2012 lud die Stadt Würzburg zum ersten und einzigen Mal ehemalige jüdische Bürger ein. Die Gäste waren als Kinder und Jugendliche in Würzburg aufgewachsen. Sie wurden gebeten, Fotos und schriftliche Erinnerungsstücke mitzubringen. Viele von ihnen haben während des Besuchs in Video-Interviews ihre Geschichte und die ihrer Familien erzählt.

So bot es sich an, dieses Material einschließlich der Video-Interviews nicht nur in einer Ausstellung zu präsentieren. Sondern es auch für die generelle Frage nach dem besonderen Schicksal der jungen Generation in der Zeit vor, während und nach den NS-Verfolgungen zu nutzen.

 
 

Einführende Texte und Fallbeispiele erzählten anschaulich von Emigration, Kindertransport, dem Schicksal von Kindern mit einem jüdischen und einem nichtjüdischen Elternteil sowie Deportation und Überleben. Der vielen ermordeten Kinder und Jugendlichen wurde besonders gedacht.

Abgesehen von wenigen Vitrinen und einem Schrank mit Objekten zum Thema, bestand die Ausstellung „jung – jüdisch – unerwünscht“ aus gut illustrierten Tafeln. Sie zeigte sehr eindrücklich, dass nur eine gute, ideenreiche Grafik das Manko einer Tafelausstellung aufwiegen kann. Ohne sie hätte die Ausstellung keine visuellen Spuren hinterlassen.

Mitten unter uns. Landjuden in Unterfranken vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert

Ein LEADER-Projekt zum Landjudentum, das über Jahrhunderte jüdisches Leben in Unterfranken maßgeblich bestimmte. Dazu sollte es eine Wanderausstellung geben, um sie in kurzen Abständen an vielen Orten in der Region zu zeigen. Original-Objekte in Vitrinen kamen nicht infrage, Roll-ups mussten her – aber nicht nur. Eine Audiostation mit Sprachbeispielen und Zeitzeugenaussagen, vier menschengroße Aufsteller mit Beispielbiographien und wechselnde Tafeln für den Landkreis, in dem die Ausstellung gerade gezeigt wurde, werteten die Ausstellung auf.

Das Konzept: Einen chronologischen Überblick verschaffen und die wesentlichen Themen der jüdischen Geschichte auf dem Land und in Kleinstädten am Beispiel je eines der neun Landkreise des Regierungsbezirks vorstellen. Es ging um Religion, Wirtschaft, Mobilität, Geschlechterfragen, Bildung, Sprachen und weiteres. Für den aktuellen Landkreis wurden auf A0-Tafeln die jüdische Siedlungsgeschichte  und drei biographische Beispiele aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert vorgestellt – darunter jeweils eine Frau. Dass es dabei kaum um die NS-Verfolgungen ging, war beabsichtigt – irritierte allerdings manche Besucher.

Seligsberger – Eine jüdische Familie und ihr Möbel- und Antiquitätenhaus

Ein Gemälde brachte diese Ausstellung ins Rollen. Es zeigt eine resolute ältere Dame – wurde jedoch von einem Maler gemalt, der sich später als Porträtist von Nazi-Größen einen Namen machte. Unbeachtet befand es sich über Jahrzehnte bei den Nachkommen einer Schwester der Dargestellten in den Niederlanden. Als der Name des Malers nach einer Restaurierung plötzlich ans Licht kam, wollte die Familie das Gemälde abgeben – und es gelangte an seinen Ursprungsort nach Würzburg.

Das Besondere daran: Es zeigt eine Frau, die zusammen mit ihrer Mutter nach dem Suizid des Vaters (1888) nicht nur das Geschäft gerettet, sondern dieses erst richtig groß gemacht hatte. Und keiner hatte es bislang bemerkt, bemerken wollen!

Es gelang, die Geschichte von Familie und Firma seit dem 19. Jahrhundert zu rekonstruieren, ihre Bedeutung für Kunst und Kultur in Würzburg offen zu legen und die engen Beziehungen zu einer Kunstschreinerei in der Region mit einer unglaublich reichen Überlieferung zu demonstrieren.

Das Sahnehäubchen jedoch war: Im Jüdischen Museum Amsterdam hat sich die Judaica-Sammlung der Familie erhalten und konnte in Teilen gezeigt werden. Die Nachkommen in den Niederlanden kamen in großer Zahl und waren genauso elektrisiert wie andere Familienzweige weltweit.

Der Spurenfinder – Michael Schneeberger und das jüdische Erbe in Bayern

Michael Schneeberger (1949-2014) war ein ganz besonderer, jüdischer Heimatforscher, der sein Leben vollkommen dem Gedenken an die jüdischen Menschen in Bayern und ihre Kultur widmete. Seine umfangreiche Sammlung bot Material und Anlass, ihn und zugleich auch andere Heimatforscher zu würdigen. Sie haben viel zu unserem Wissen über die jeweilige lokale und regionale jüdische Geschichte und zur Erinnerungskultur beigetragen. Doch bislang sind sie noch kaum in den Fokus öffentlicher Darstellung gerückt.

Die Ausstellung stellte Schneeberger mit seiner ungewöhnlichen Biographie vor – unterstützt durch eine Reihe von Video-Interviews mit Angehörigen, Freunden und nahen Mitarbeitenden. Zugleich präsentierte sie noch einmal Teile einer großformatigen Ausstellung über den jüdischen Friedhof Rödelsee aus den 1990er Jahren. In Vitrinen, auf Tafeln und mit einer Schreibtischinstallation wurde die Arbeit Schneebergers sichtbar gemacht. Beispielhaft aufbereitet zeigten die Tafeln Ergebnisse seiner Recherchen zu je vier jüdischen Familien und Gemeinden in Bayern.

Offenheit für künstlerische Positionen zur jüdischen Geschichte

Kunst erlaubt andere Zugänge zu einem Thema – und ist damit eine weitere Möglichkeit, jüdische Kultur und jüdische Geschichte anzusprechen. Dies gilt für eine Installation mit Wäschestücken aus jüdischem Besitz von Gabi Weinkauf (1) ebenso wie für eine umfangreiche Installation (2-4) mit Performances von Jens Reulecke zum „Nachhall“ des mittelalterlichen jüdischen Friedhofs in Würzburg.